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Rehwild ansprechen

von Philip

Februar 16, 2022

Rehbock

Die Grundlagen zum Rehwild

Rehwild ist die am meisten verbreitete und anpassungsfähigste Schalenwildart Deutschlands, jährlich kommen etwa 1,2 Millionen Rehe in unseren Revieren zur Strecke.
Rehe werden in der freien Natur etwa 10 bis 12 Jahre alt. Adulte Stücke leben die meiste Zeit des Jahres einzelgängerisch und verteidigen ihre Reviere oft energisch gegen eindringende Artgenossen. Die Sozialkontakte beschränken sich in aller Regel auf die Mutter-Kind-Bindung während der Aufzuchtszeit und den Kontakt der Geschlechtspartner während der Brunft. In den Wintermonaten kommt es insbesondere in Feldrevieren zur Bildung von sogenannten Sprüngen. Darunter versteht man den Zusammenschluss von Rehen zu einem Verband. Dieses Verhalten dient während der winterlichen Deckungsknappheit vorrangig der Sicherheit.

Rehböcke können bei genauem Hinsehen sehr gut von Geißen (welche auch als Ricke bezeichnet werden) durch das Vorhandensein des Gehörnes (insofern es nicht gerade abgeworfen wurde) und Pinsels, ihrer gedrungenen Statur und der nierenförmigen Ausbildung des Spiegels (bei weiblichen Rehen zeigt der Spiegel durch die Ausbildung der Schürze eine Herzform) unterschieden werden.
Im Frühjahr fegen die Böcke ihr Gehörn und die graubraune Winterdecke des Rehwildes weicht langsam der roten Sommerdecke. Hier gilt, dass junges und gesundes Rehwild in aller Regel früher verfärbt als älteres oder kränkliches. Der Fegetermin mehrjähriger Böcke liegt meist deutlich vor dem der Jugendklasse. Während ältere Böcke bereits ab März verfegen, sind zu Beginn der Jagdzeit bei den Jährlingen Bastgehörne nichts Ungewöhnliches und werden erst im Mai bis spätestens Juni verfegt.

Achtung Verwechslungsgefahr!

Bei der Jagd auf Schmalrehe ist im Frühjahr und Sommer besondere Sorgfalt beim Ansprechen angesagt. Es besteht eine Verwechslungsgefahr mit einer beschlagenen oder führenden Geiß, ein Fehlabschuss wäre fatal! Zu Beginn der Jagdzeit machen Schmalrehe noch einen jugendlichen körperlichen Eindruck. Auf ihrem dünnen Hals sitzt ein kurzes, noch kindlich rund erscheinendes Haupt. Solange seine Muttergeiß noch nicht gesetzt hat, zeiht es mit ihr zusammen oder steht in ihrer Nähe. Der Haarwechsel ist bei gesunden und vitalen Schmalrehen deutlich weiter vorangeschritten als bei den Geißen. Im April bis zum Setzen fallen beschlagene Geißen durch ihren dicken und nach unten gewölbtem Bauch auf. Nach dem Setzen ist zwischen den Hinterläufen die mehr oder weniger gut erkennbare Spinne (Gesäuge) ein Ansprechmerkmal für ein führendes Stück. Die im Laufe des Maies hochwachsende Vegetation erschwert zunehmend das Ansprechen, im Zweifelsfall muss die Kugel dann im Lauf bleiben!

Der Gesamteindruck zählt

Auch die Altersansprache des Rehbockes stellt für den Jäger oftmals eine Herausforderung dar. Man muss sich hierzu einen Gesamteindruck über das Erscheinungsbild, die Statur und das Verhalten verschaffen. Jüngeres Rehwild wirkt vom Verhalten her meist unbekümmert. Je älter und erfahrener es wird, desto vorsichtiger wird es in seiner Verhaltensweise und neigt zum Beispiel vor dem Austreten zum ausgiebigen Sichern. Bei der Statur sprechen ein dünner, aufrecht getragener Träger und eine gradegezogene Rückenlinie eher für einen jüngeren Bock als für den älteren Bock.

Mit fortschreitendem Alter wirken Böcke deutlich gedrungener und zeigen einen mehr oder weniger ausgeprägten Vorschlag. Der Träger ist stark und wird beim Ziehen zunehmend waagrechter getragen. Generell kann davon ausgegangen werden, dass ein Reh bei normaler Entwicklung ab einem Alter von drei Jahren bezüglich seiner Statur einen „erwachsenen Eindruck“ macht.

Das Heranziehen der Gesichtsfärbung zur Altersansprache scheint sehr fragwürdig. Die Gesichtsfärbung des jungen Bockes ist nicht zwingend scharf abgegrenzt und bunt und die des älteren nicht unbedingt verwaschen und gräulich. Der noch deutlich abgegrenzte Muffelfleck eines jungen Bockes kann sich aber im fortgeschrittenen Alter auflösen oder verwaschen wirken. Diese Kriterien können also nur ergänzend zur Altersansprache herangezogen werden.

Gehörnform als Altersmerkmal?

Vom Gehörnaufbau her kann schon der Jährlingsbock je nach körperlicher Verfassung ein breites Spektrum vom Knopfer bis hin zum lauscherhohen Sechsergehörn aufweisen. Meist trägt der Bock aber in dieser Altersklasse auf seinen schlanken und hoch wirkenden Rosenstöcken noch Spieße oder ein Gabelgehörn bis Lauscherhöhe. Bei fortschreitend guter Verfassung ist beim Rehbock bis zu einem Alter von etwa 5 bis 7 Jahren eine Zunahme des Gehörnwachstumes zu erwarten. Die Ausbildung der verschiedenen Gehörnformen stellen kein Altersmerkmal dar, sondern kann nur zur Wiedererkennung einzelner Böcke herangezogen werden. Sitzt die Hauptmasse der Stangen noch im oberen Gehörnbereich, kann dies für einen jüngeren Bock sprechen.

Rehwild im Jahresverlauf

Im Mai/Juni werden die Kitze gesetzt, welche bis zum Spätsommer die für sie typische Fleckzeichnung aufweisen, welche sich im Laufe des Sommers langsam verliert und mit dem Haarwechsel im Herbst dann gänzlich verschwindet. Vor dem Setzen löst sich die Bindung zwischen der Geiß und ihren letztjährigen Kitzen. Die Jährlingsböcke beginnen dann mit der Suche nach einem eigenen Revier und werden von den mehrjährigen Böcken dabei auf Trab gehalten. Schmalrehe halten sich oftmals noch eine längere Zeit in der Nähe ihrer Mutter auf oder schließen sich einem Bock an. Bedingt durch die Reviersuche zeigen Jährlinge zu Beginn der Jagdzeit eine sehr hohe Aktivität und es lohnt, diese Phase für die Bejagung zu nutzen. Im Laufe des Junis wird die Bejagung zunehmend schwieriger. Auf den Wiesen steht das Gras nun hoch und verdeckt das Wild. Besonders Rehwild versteht es bestens, die nun auch üppige Waldvegetation als Deckung zu nutzen und bleibt oft unsichtbar. Ab Mitte Juli beginnt die Blattzeit und es kommt wieder richtig Bewegung in die Böcke. Zu Beginn des Augustes lohn die Ausübung der Blattjagd, da viele der Geißen und Schmalrehe nun abgebrunftet haben und die Böcke nach noch brunftigen Stücken suchen. Auch dabei macht sich oftmals die Unbekümmertheit des jungen Bockes bemerkbar, wenn er aufs Blatten stürmisch und schnurgerade zusteht, während der alte Bock meist die Lage aus sicherer Deckung heraus sondiert, verhalten springt und die Irreführung nur allzu oft in letzter Sekunde bemerkt und schreckend das Weite sucht. Nach der Brunft kehrt wieder Ruhe in den Einständen ein. Zu Beginn der Jagdzeit auf weibliches Rehwild ist der Größenunterschied zwischen der Geiß und den Kitzen immer noch deutlich erkennbar. Nach dem Haarwechsel haben die Kitze dann schon ein deutlich größeres Erscheinungsbild, weisen aber immer noch eine relativ kurze Kopfform auf. Auch hier gilt wieder, je vitaler das Reh, desto früher ist der Haarwechsel abgeschlossen. Der weiße Drosselfleck, welcher bei manchen Rehen in der Winterdecke vorkommt, sagt nichts über das Alter aus.

Ab Oktober fangen die mehrjährigen Böcke an ihr Gehörn abzuwerfen. Der Abwurftermin sagt wenig über das Alter aus. Auffallend ist einzig, dass es sich vorrangig um noch sehr junge Böcke handelt, welche zu Beginn des Winters noch aufhaben können. Das Erstlingsgehörn des Bockkitzes in Form meist nur kleiner Knöpfchen wird im Zeitraum Dezember / Januar gefegt und kurz darauf abgeworfen. Nach dem Abwerfen beginnt bei Rehböcken unverzüglich der Aufbau des neuen Gehörns.

Altersbestimmung beim erlegten Wild

Beim erlegten Wild kann zusätzlich der Zahnstatus zur Altersbestimmung herangezogen werden. Ab einem Alter von 13 bis 15 Monaten ist beim Rehwild das Dauergebiss vollständig entwickelt. Bei den zu Beginn der Jagdzeit erlegten Jährlingen und Schmalrehe ist der Zahnwechsel oftmals noch nicht abgeschlossen und man kann anhand des noch dreigeteilten, dritten vorderen Backenzahns (P4) des Milchgebisses (im Dauergebiss ist dieser dann zweiteilig) eine sichere Altersbestimmung durchführen. Nach vollständigem Zahnwechsel gestaltet sich eine annähernd genaue Altersbestimmung wesentlich schwieriger. Es können dann nur noch Alterstendenzen anhand des fortgeschrittenen Abschliffes der Molaren (insbesondere des M1) erkannt werden. Abschliff und Farbe des Dentins (Zahnbeins) unterliegen aber auch Faktoren wie Lebensraum, Äsungsangebot, Gesundheitszustand und Veranlagung. Eine exakte und auch belegbare Altersbestimmung am erlegten Stück ist nur anhand des Zahnschliffverfahrens möglich. Da der Einsatz dieses aufwendigen Verfahrens wenigen Einzelfällen vorbehalten bleibt, sollten wir uns im guten Schätzen üben!

Ansprechen üben mit der Fotostrecke

Schmalreh Anfang Mai im Haarwechsel von der Winter- zur Sommerdecke. Der dünne Träger, die zierliche Figur und der fortgeschrittene Haarwechsel sprechen für das 1-jährige Alter. Anhand der erkennbaren Schürze zudem als weibliches Stück anzusprechen.
Links mehrjähriger Bock, in der Mitte Bockkitz, rechts eine Geiß. Das Kitz ist anhand des Spiegels gut als männliches Stück anzusprechen.
Ein wenige Stunden altes Rehkitz. Die charakteristische Fleckenfärbung dient dem abgelegten Kitz zur Tarnung vor Fressfeinden.
Weibliches Stück im Hochsommer. Hier kann auf Grund der hohen Vegetation keine exakte Altersansprache durchgeführt werden. Da es sich um eine führende Geiß handeln könnte, bleibt bei der Jagd auf Schmalrehe hier die Kugel im Lauf!
Älterer Rehbock im Bast. Der Träger wird beim Ziehen fast waagrecht getragen. Als alter Bock wird er schon im April sein Gehörn verfegt haben.
Abwurfstange eines Rehbocks. Ältere Böcke werfen früher (ab Oktober) ihr Gehörn ab als junge Böcke (Dezember).
Rehkitz Ende August – die Fleckzeichnung ist nur noch verwaschen erkennbar.
Körperlich gut entwickelter Jährling Ende November. Während ältere Böcke bereits abgeworfen haben, trägt er noch sein Gehörn. Als Jährling wird er erst im Laufe des Dezembers abwerfen.
Jährling im Juli. Er wirkt hochläufig, auf dem dünnen Träger sitzt ein noch schmales Haupt.
Rehbock beim Fegen. Hier gilt die Regel, dass ältere Böcke früher (ab März) verfegen als Jährlinge (verfegen erst im Mai bis Juni).
Bockkitz nach dem Abwurf des Erstlingsgehörns.
Junger Rehbock (2 – 3-jährig) in der Sommerdecke. Seine Vorderläufe stehen eng, der Träger ist schon deutlich stärker als bei einem Jährling. Böcke dieser Altersklasse leben meist noch nicht territorial.
Mittelalter Rehbock (4 – 5-jährig) in der Sommerdecke. Sein Körperbau wirkt gedrungen, er hat einen starken Träger. Böcke dieser Altersklasse verhalten sich vorsichtig und sind misstrauisch.

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